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Die Realität

Wie sieht die Realität für uns Soldaten aus, die aus dem Einsatz mit PTBS nach Hause kommen:

  • Wie geht es den Familienangehörigen, die ihren Mann / Sohn / Tochter / Vater als gefallenen Soldaten in einem Sarg entgegennehmen?
  • Wie steht die Bundesregierung dazu bzw. das Bundesverteidigungsministerium zu den geschädigten Soldaten mit einem PTBS Syndrom und deren Familien?
  • Wie stehen die Politiker zu den Geschädigten, die die den Einsatz abgesegnet haben?
  • Welche Hilfen bekommen wir Soldaten von den zuständigen Landratsämtern bzw. welche Vorstellungen haben die Sachbearbeiter über das, was ein Soldat im Kriegsgebiet erlebt hat?

Ich möchte aufzeigen, mit welchen Schwierigkeiten ich mit Beginn der stationären Aufnahme zu kämpfen habe und mit welchen Äußerungen ich konfrontiert wurde, vom Arzt bis zum Sachbearbeiter. Wie handlungsfähig ist ein Soldat, der mit dem PTBS Syndrom leben muss?

Am 06.10.2005 erfolgte die stationäre Aufnahme im BWK Hamburg, Abteilung Psychiatrie. Die Krankenschwester wies mir mein Zimmer mit den Worten zu: “Das ist hier ihr Bett und kommen Sie erst einmal an.” Während der Aufnahme wurde mir mitgeteilt, dass der Psychologe Herr Dr. B. im Moment keine Zeit hat, da er im Urlaub sei und danach auf einer Tagung. Der zuständige behandelnde Arzt, der für meine Genesung zuständig sein sollte eröffnete das Arzt - Patientengespräch mit dem Satz: “ Ehrlich gesagt, habe ich kein Interesse an dem Gebiet der Psychologie. Ich bin nur hier, weil es so vorgeschrieben ist, gewisse Stunden auf diesem Gebiet im Rahmen meiner Ausbildung zu erbringen!” Ich bat ihn, mich an einen anderen Kollegen zu verweisen, was er ablehnte. Ich war geplättet, mir war alles egal. Was sollte ich tun, ich war ausgeliefert, ausgeliefert einem Arzt, dem es egal war, was aus mir wird. Ich fragte mich, ob ich hier richtig bin. Hilflos, wütend, kaputt und verwirrt saß ich auf meinem Bett und starrte aus dem Fenster. Plötzlich stieg in mir so viel Wut auf, dass ich einen Nachttisch aus dem Fenster warf. Der erste angestaute Druck war abgebaut und in dem Moment hätte keiner etwas zu mir sagen dürfen, ich wäre ihm an den Hals gegangen.

Bis zum 15.11.2005 war ich mir selbst überlassen, niemand interessierte sich für mich, dass ich da bin und Hilfe benötigte, um alles aus dem Einsatz zu verarbeiten. Am selben Tag war Chefarztvisite, da sprach ich das Problem an und war sehr ungehalten. Ich kam mir richtig verarscht vor. Meine Ansprache bei der Chefarztvisite scheinte aber etwas gebracht zu haben, da plötzlich Psychologe Dr. B. erschien und mir einen Termin für 13:00 Uhr gab. In den nächsten Wochen hatte ich 1-2 Sitzungen und eines Tages schlug er mir die EMDR Technik vor (Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch: Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung). Dies ist eine spezielle Technik, in der Betroffene in die erlebte Situation noch einmal zurückversetzt wird und diese nochmal durchlebt.

Nach der zweiten Sitzung fragte mich der Psychologe, was ich gesehen habe? Ich erzählte ihm, was ich gesehen hatte. Plötzlich sprang er hinter seinem Tisch auf und schrie mich an: ”Sie sind nicht kooperativ, ich kann mit Ihnen nicht weiter arbeiten!” Ich verstand die Welt nicht mehr. Nach dieser Auseinandersetzung lief in dieser Klinik kein Therapieprogramm mehr. Ich wollte nur noch weg von dieser Klinik, raus zu meiner kleinen Familie. Aussage einer Nachtschwester: “Ach Herr Rimpl, nehmen Sie doch einfach Ihre Medikamente und Ihnen wird es besser gehen!”

Im Entlassungsbrief für den Truppenarzt stand zwischen den Zeilen, schmeißt den Kerl raus! Während der Heimfahrt von Itzehoe nach Karlsruhe ging mir das Gespräch mit dem Truppenarzt über den Inhalt des Entlassungsbriefes nicht aus dem Kopf, es dröhnte im Kopf, ich wollte mit meinem Leben abschließen: Mal wollte ich mit dem Auto unter einem schwer beladenen 40t LKW crashen, dann war da ein schöner Brückenpfeiler. Aber irgendetwas hinderte mich daran.
Zermürbt, kraftlos, müde, hilflos, verwirrt kam ich zuhause an, mir war alles egal, meine Familie, Frau, Kind - ich wollte nur noch meine Ruhe. Der Einsatz steckte mir in den Knochen, immer wieder diese Schreie, das Geräusch vom glucksendem Blut, der Geruch des Blutes, röcheln, die Augen, die mich flehend anschauten, das Gefühl, die Hand mittig auf der Brust zu spüren ... mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Die Stimmen der Befehle, das Klicken der Waffen - entsichert, zum Schießen bereit. Geräusche von Schüssen aus Kalaschnikow´s, das feine Singen beim Aufprall der Geschosse.

Im Jahr 2008 wurde mir meine Dienstunfähigkeit bescheinigt. Ich wurde aus dem Dienst der Bundeswehr entlassen. Der Sozialdienst der Bundeswehr teilte mir mit, dass das Landratsamt in Karlsruhe für einsatzgeschädigte Soldaten zuständig sei und ich dort alle notwendigen Anträge am besten so früh wie möglich stellen müsse, damit alles reibungslos bezüglich der Versorgungsleistungen funktioniert. Ich wollte keine Zeit verstreichen lassen und suchte das Landratsamt Karlsruhe auf. Ich schilderte meine Situation und der zuständige Mitarbeiter Herr K. sagte: ”Wir können Ihren Antrag nicht bearbeiten, da Sie noch Soldat sind. Wir können Ihnen alle Anträge geben, diese aber erst bearbeiten, wenn wir alle Unterlagen der Bundeswehr vorliegen haben. Die Bearbeitung der Anträge würde aber eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen”

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